Redebegleitende Gesten: Form und Aufbau der fleißigen Helferlein gesprochener Sprache

Redebegleitende Gesten sind trotz einiger Gemeinsamkeiten bei der Beschreibung klar abzugrenzen von Gebärdensprachen. Gebärdensprachen sind, wie Laut-sprachen, komplett eigenständige Sprachen. Redebegleitende Gesten bilden dagegen keine eigene Sprache, sondern begleiten und ergänzen die Sprachen der Welt auf visuell-manueller Ebene und sind damit universell einsetzbar. Diese Präsentation beschäftigt sich mit der äußeren Form und dem inneren Aufbau von Gesten.

Gesten können in verschiedene Typen unterteilt werden: ikonische Gesten, deiktische Gesten, Diskursgesten und Beats. Diese Gestentypen können wiederum auf mehrere Arten realisiert werden. Ikonische Gesten können Dinge aus der realen Welt bildlich darstellen, indem sie einen imaginären Gegenstand formen (shaping), modellieren (modelling), in der Luft zeichnen (drawing), danach greifen (grasping); oder etwas aufzählen (counting). Deiktische Gesten sind meist als Zeigegesten (indexing) realisiert. Diskursgesten sind auf einer Metaebene außerhalb des Gesprächsinhalts relevant, um z.B. die Bedeutung des Gesagten zu unterstreichen (meist durch einzelne Beats auf dem Wortakzent) oder abzuschwächen (oft durch hedging-Gesten).

Die Einheit einer vollständig ausgeführten Geste wird als Gestenphrase bezeichnet. Eine solche Gestenphrase kann unterteilt werden in bis zu fünf Phasen: preparation, pre-stroke hold, stroke, post-stroke hold und retraction. Die wichtigste Gestenphase, der stroke, bildet den semantischen Kern einer Geste und ist obligatorisch. Die Vorbereitungsphase preparation bringt die Hände in die Ausführungsposition der Geste; die Rückzugsphase retraction bringt die Hände wieder in eine neutrale Position. Auch diese beiden Phasen sind obligatorisch, aber ohne semantischen Gehalt. Fakultativ kommt hinzu, dass eine Geste über einen kurzen Zeitraum hinweg gehalten werden kann. Bei pre-stroke holds wird vor dem eigentlichen stroke kurz innegehalten. Ein post-stroke hold liegt vor, wenn die Endposition des stroke noch anhält bevor die Hände zurück in die Ruheposition gehen.

McNeill (1992) führt aus, dass holds durch Verzögerungen des stroke oder der begleiteten Äußerung entstehen. Im Rahmen von kleineren Studien wurde anhand des Speech and Gesture Alignment-Korpus (SaGA) der Universität Bielefeld bereits näher auf holds eingegangen. So wurde z.B. festgestellt, dass eine Geste, die einen neu eingeführten Referenten begleitet, so lange im post-stroke hold aufrecht erhalten werden kann, wie über diesen Referenten gesprochen wird. Eine Bestimmung der genauen Funktion von holds steht in der Gestenforschung noch aus.

Referenzen:

Kendon, Adam (2004): Gesture. Visible action as utterance. Cambridge: Cambridge University Press.

McNeill, David (1992): Hand and mind. What gestures reveal about thought. Chicago: The University of Chicago Press.

Das Speech and Gesture Alignment-Korpus der Universität Bielefeld im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 673: http://www.sfb673.org/projects/B1

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